Säulengang im Dogenpalast von Venedig, Beitragsbild für Bewerben an einer Hochschule

Bewerben an einer Hochschule

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das für viele Studieninteressierte ein sehr großes und sehr schwieriges ist: Das Bewerben an einer Hochschule für Kunst oder Design. Wie schafft man es mit seiner Mappe durch das Bewerbungsverfahren? Warum wurde ich abgelehnt? In diesem Artikel erzähle ich euch, welche Erfahrungen ich mit dem Thema hatte. Ich bin ein Mensch, der Kontext braucht, um zu lernen. Deswegen fange ich von vorne an. Ein tl;dr gibt es dann ganz am Ende des Textes.

Die erste Bewerbung

Im Jahr 2012 habe ich mich zum ersten Mal an der Georg-Simon-Ohm Hochschule (externer Link) in Nürnberg beworben. Damals habe ich gar nicht gewusst, dass es in Deutschland einen ganzen Haufen an Design Hochschulen gibt. Geschweige denn, dass sie sich so massiv voneinander unterscheiden. Ich hatte eine Mappe zusammengestellt. Ich habe einen Satz auf 30 Seiten illustriert, jedes Wort als einzelnes Blatt; mal mit Fotos, mal mit Zeichnungen, mal mit Vektorgrafiken. Das war damals die Vorgabe. 30 Arbeiten sollte man einreichen. Da ist schon der erste Knackpunkt. Das ist erstaunlich viel im Vergleich: Andere Hochschulen akzeptieren oft sogar nicht mehr als 10 Arbeiten gesamt.

Ich wurde damals abgelehnt und war verblüfft. Hatte ich mir doch so viel Mühe gegeben und die Arbeiten extra für die Hochschule angefertigt. Ich hatte so viel Zeit und Energie hineingesteckt und war doch damit gescheitert. Sollten die Prüfer nicht mein Talent sofort erkennen?

Aber ich habe mir dann gesagt, dass es so eben nicht funktioniert und meine Arbeiten nur zu schlecht waren. Ich dachte, ich müsste es einfach nur nochmal probieren. Da ja fast acht Monate bis zur nächsten Bewerbungsphase vergehen, hatte ich genügend Zeit, neu anzufangen. In dieser Zeit entdeckte ich auch mehr und mehr das Berufsfeld, absolvierte ein Praktikum in einer Werbeagentur und fertigte neue, zusammenhängende Arbeiten an. Durch diese Erfahrungen konnte ich die Absage schon ein wenig besser verstehen, war aber noch nicht ganz am Ziel. In der zweiten Runde habe ich mich dann wieder in Nürnberg beworben. Außerdem noch an der Hochschule Rhein-Main (externer Link) in Wiesbaden und der (damals noch) FH Mainz (externer Link), heute HS Mainz.

Die zweite Bewerbung

In Nürnberg wurde ich erneut abgelehnt. In Wiesbaden war ich zum Eignungstest, bei dem man mir deutlich machen wollte, dass ich für das Studium dort ungeeignet wäre. Meine Mappe erhielt damals zwei von 20 möglichen Punkten, genauso wurden meine restlichen Arbeiten eher unterdurchschnittlich bewertet. Also ein deutliches Nein. In Mainz dagegen erhielt ich dagegen ebenfalls eine Einladung und im Anschluss daran sehr zügig den Bescheid für die bestandene Eignungsprüfung. Damit hatte ich es in Mainz an die Hochschule geschafft.

Zunächst habe ich das ganze persönlich genommen – wie man das als junger, unerfahrener Mensch eben so oft tut. Dabei wurde mir nun langsam beim Studium und beim Abhalten der Aufnahmeprüfungen während meiner ersten Semester an der Hochschule endlich klar, dass es tatsächlich sehr wenig mit der eigenen Person an sich zu tun hat; sondern mehr mit der eigenen Art zu Denken und zu Arbeiten. Hier sind ein paar meiner Erkenntnisse über das Bewerben an einer Hochschule für Kunst oder Design.

Das Auswahlverfahren – Eure Auswahl

Zu allererst muss einem klar sein, dass Professoren und Prüfer nicht objektiv bewerten. Das ist keine Unterstellung oder ein schockierendes Geheimnis, sondern hat mit der Sache eines solchen Bewerbungsverfahren an sich etwas zu tun. Jede Arbeit ist subjektiv. Geschmäcker sind verschieden. Das ist ein altbekannter Spruch. Was dem einen gefällt, kann dem anderen absolut missfallen. Das Konzept dahinter nennt sich Zielgruppe. Und so funktioniert das auch an einer Hochschule. Ein Plakat auf der Straße kann junge Leute ansprechen, es kann alte Leute ansprechen, es kann Skater ansprechen, es kann Golfer ansprechen. Aber es wird nie allen gefallen. Es wird auf eine der Zielgruppen zugeschnitten sein – ja, wahrscheinlich würde es für viele Zielgruppen noch nichtmal auf der Straße gezeigt werden sondern nur im Internet.

Genau so muss man seine Bewerbung an einer Hochschule betrachten. Die Professoren an einer Hochschule sind keine objektive Prüfinstanz, sondern sie wählen bewusst oder unbewusst aus, wer von seinen/ihren Fähigkeiten und der Persönlichkeit zu ihnen und die Hochschule passt. Auch ich nehme mich davon nicht aus. Ich kann relativ objektiv die handwerklichen Fähigkeiten eines Studenten bewerten. Ich kann sehen, ob sauber und korrekt belichtet wurde, wie das Licht gesetzt wurde, Farben korrigiert wurden, etc etc. Aber was für mich ein gutes und treffendes Bild sein kann, könnte für jemand anderen eine absolute Themaverfehlung sein – und darüber kann man auch tagelang streiten. Wir sind 83 Millionen Menschen in Deutschland. Man wird es nie jedem Recht machen können. Über Geschmack lässt sich streiten. Das sollte man zunächst verinnerlichen.

Und das ist auch der Grund, warum man es nicht persönlich nehmen darf, wenn man eine Ablehnung erfährt. Besonders, wenn man sich beworben hat, ohne sich vorher mit der eigenen Arbeit vor dem Kontext der Hochschule gezielt auseinanderzusetzen. Man muss verstehen, dass jede Hochschule teils extrem andere Schwerpunkte setzt, als die anderen. Nehmen wir Mainz und Wiesbaden als Paradebeispiele. In Mainz sind Editorial Design, freie Gestaltung, Kunst und Typographie die Schwerpunkte im Lehrplan. In Wiesbaden liegt der Fokus dagegen deutlich auf Werbung, Handwerk und Agenturarbeit. Wenn man nun ein Magazin mit ein paar selbstgeschriebenen Artikeln und handgeschnittenen Collagen über kleine Subkulturen in Berlin als Bewerbung verschickt – dann hat man in Wiesbaden vielleicht schlechtere Karten und wäre in Mainz dagegen vielleicht gerne genommen worden.

So sollte man eine Sache für das Bewerben an einer Hochschule für Kunst oder Design zu allererst betrachten. Die Frage nach der eigenen Identität. Wer bin ich als Künstler, Designer, Fotograf? Wo möchte ich hin? Welches Leben stelle ich mir vor? Möchte ich ethisch arbeiten oder sind mir Politik und Gesellschaft weniger wichtig als große Marken? Welche Art von Arbeiten und Aufträgen möchte ich machen? Möchte ich überhaupt an Aufträgen und Projekten arbeiten oder etwas ganz anderes tun? Die Antworten auf diese Fragen sollte man dann der eigenen, bisher gemachten Arbeit gegenüberstellen. Sind diese Ziele realistisch? Habe ich da schon etwas in die Richtung gemacht? Oder eifert man einem Vorbild nach, das man nie erreichen kann?

Wenn man diese Fragen für sich beantwortet hat, dann begibt man sich auf die Suche nach einer passenden Hochschule. Heute würde ich mich in Wiesbaden wohl nicht mehr bewerben. Auch nicht in Nürnberg. Meine Hochschulen der Wahl wären wohl tatsächlich wieder Mainz, die HfG Offenbach (externer Link), die HfG Gmünd (externer Link) und vielleicht die HfG Karlsruhe (externer Link). Es gibt sicher noch dutzende andere (auch international! Seht ruhig ins Ausland!), die ein ähnliches Profil haben. Aber das sind die, die mir gerade einfallen.

An solchen Hochschulen, so mein Eindruck, lernt man an freieren Projekten die Gestaltung. Man arbeitet an ethischen, sozialen Themen, an Kunst, an Gesellschaft und Politik. Meine größte Arbeit im zweiten Semester in Mainz war eine Fotoreportage über „starke Kerle“ in Muckibuden. Wir sollten ein Kindheitsthema bearbeiten und mein Vater hatte früher einen Fitnessraum im Keller, in dem er oft Übungen gemacht und gegrübelt hat. In Wiesbaden dagegen macht man sich direkt an Werbeaufträge, teils sogar mit echten Projekten aus der Wirtschaft¹.

Während ich meine analogen Reportagefotos im Filmlabor entwickelt habe, hat eine Kommilitonin aus Wiesbaden Modefotos mit professionellen Models aus der Fashion Szene angefertigt. Während ich meine Abzüge in der Dunkelkammer unter dem Vergrößerungsgerät von Hand abgewedelt habe, hat sie geübt, ihre Fotos im digitalen Fotolabor für die Massenproduktion in zu retuschieren. Das ist einfach ein gewaltiger Unterschied, der jedem vor der Auswahl des richtigen Studienorts klar sein muss. Hat man sich nicht mit diesen Unterschieden beschäftigt, dann kann man auch die Absagen der Hochschulen nicht einordnen, sondern sucht den Fehler nur bei sich oder bei den anderen.

Das Story Telling

Was ist nun aber mit der Mappe? Hat man einen passenden Ort gefunden an den die eigenen Arbeiten passen würden, dann hat man schonmal einen großen Schritt in die richtige Richtung getan. Das entscheidende dann ist Story-Telling. Für mich ist das wegen der Berufserfahrung bereits ein abgedroschener Begriff. Aber für viele – wie auch für mich damals – ist das etwas völlig neues. Man sollte mit jeder Linie, jedem Wort, jeder Farbe, ja überhaupt mit jeder Entscheidung bei einer gestalterischen Arbeit ein Ziel verfolgen: Das Ziel, eine Geschichte zu erzählen. Das ist Story-Telling.

„Eine Geschichte erzählen“ ist dabei nur ein sehr allgemeiner und etwas geschönter Begriff. Im Grunde geht es immer darum eine Aussage, zu kommunizieren – hence, der Begriff „Kommunikationsdesign“. Die Firma Nintendo (externer Link) zum Beispiel möchte jung, spaßig und fröhlich wirken. Sie wählt leuchtende Farben, buntes, aufregendes Artwork, serifenlose und etwas verspielte Schriften und einen starken Fokus auf Bilder. Die Mercedes-Benz AG (externer Link) möchte dagegen seriös und edel wirken. Sie verwendet Serifenschriften, sehr ruhige Bilder, viel Schwarz und Weiss auf einer klaren und aufgeräumten Oberfläche.

Stellt euch mal vor, es wäre umgekehrt herum. Nintendo würde die Webseite und Gestaltung von Mercedes verwenden und umgekehrt. Ein junger Erwachsener hätte vermutlich weniger Spaß, auf der „neuen“ Nintendo Webseite nach Spielen zu scrollen. Wohingegen ein wohlhabender Autokäufer durch die schrillen Bilder und Farben eher abgeschreckt wäre. Da kommt wieder der Begriff „Zielgruppe“ zum Tragen. Mercedes möchte sich eben an diesen wohlhabenden Autokäufer wenden. Und Nintendo an die jungen Erwachsenen, die Spiele kaufen wollen. Deshalb wird die Gestaltung so gewählt.

Die gleichen Regeln gelten im übrigen auch für Künstler. Ihr habt nur den anderen Ansatz, dass eure Kommunikation niemandem dient außer eurer Aussage. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Design. Design dient den Interessen einer Person oder Gruppe, Kunst dient sich selbst und der Gesellschaft. Nichts desto trotz muss im Kern eines jeden Werkes eine Aussage liegen.

Ein sehr tolles Beispiel bringt außerdem Achim Schaffrinna in seinem Artikel auf designtagebuch.de (externer Link). Dabei geht es um die Markenentwicklung von McDonald’s über die Jahre. Erinnert ihr euch noch an Ronald McDonald? Die schrillen roten und gelben Farben in den McDonald’s Restaurants? Wenn man heute in ein solches Lokal geht, ist alles gelb, grün, braun und mit Holzdekor. Aber es ist das selbstverständlichste in der Welt. In seinem Artikel erklärt Achim ganz gut, wie der Betrachter über die Zeit hinweg an das neue Corporate Design gewöhnt werden sollte. Weg vom rot-gelben Fastfood Image hin zu einer gesund und natürlich wirkenden Stimmung. Das Produkt ist aber die ganze Zeit über relativ ähnlich geblieben.

Dieses Konzept der Aussagen, das Story-Telling, ist auch für deine Mappe wichtig. Klar, ein paar reichen einfach Arbeiten aus dem Kunst LK ein, haben etwas Glück und kommen damit durch die Prüfung. Aber das ist die große Ausnahme, glaub mir. Um wirklich gezielt Erfolg zu haben, wirst du anfangen müssen, eine Geschichte zu erzählen. Am besten kann ich das wohl an meiner eigenen 2. Mappe erklären.

Meine Mappe habe ich damals in drei Bereiche aufgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einige „echte“ Design-Arbeiten. An diesem Punkt stehst du vielleicht noch nicht, aber vielleicht kriegst du dadurch eine Idee für den Anfang. Ich hatte drei große Bögen in 100x70cm. Auf dem ersten Bogen war eine gesamtgestalterische Arbeit. Es geht dabei um die Entwicklung meiner Teacup Creatures. Das sind kleine Figuren, die allerhand fröhlichen Unsinn treiben oder sich mit Leidenschaft ihren Hobbys widmen. Kernaussage für mich war, einfach loszulassen, Abenteuer zu erleben und frei „Kind“ zu sein. So entstanden die kleinen, fröhlichen Figuren, die nun zum Beispiel als Kreativ-Coaches Pedro und Rosa(externer Link) fungieren. Mit den beiden lernen Kinder und Jugendliche spielerisch Zeichnen und Malen.

Das Künstlerpärchen Pedro und Rosa, die Cartoon Illustrationen von Stephan Böhm, bei der Arbeit in ihrem Atelier

Illustration für „Ölmalen mit Pedro und Rosa“, 2020

Teacup Creatures, die Cartoon Illustrationen von Stephan Böhm, spielen auf einem sonnigen Hügel

Illustration für Bewerbungsmappe, 2012

Diese Kernaussage habe ich umgesetzt mit bunten, leuchtenden Farben und ebenso farbenfrohem Artwork. Die beiden Figuren Pedro und Rosa sind glücklich, unbeschwert und haben großen Spaß beim kreativen Austoben und Üben. Das habe ich als Ausgangspunkt für den ersten Teil der Mappe genutzt. Oben links auf dem großen Bogen sieht man die ersten Bleistiftskizzen, darunter zaghafte Umsetzungen als Vektorillustrationen, danach verschiedene Motive als Vektorgrafiken und schlussendlich in der rechten unteren Ecke des Bogens die fertigen Produkte: T-Shirts und das Zeichnen und Malen mit Pedro und Rosa Buch. Die Story dieses Bogens war: Ich kann zusammenhängende Arbeiten entwickeln – von der Skizze bis zum fertigen Produkt. Deshalb war es auch wichtig, die Arbeitsschritte mit darzustellen und nicht nur die fertigen Arbeiten an sich.

Zweiter Mappenteil war eine Sammlung an gestalterischen Arbeiten, die ich im Zuge des Praktikums oder bei meiner selbstständigen Arbeit gemacht habe. Das waren vor allem verschiedene Logos und ein paar Bilder mit fertigen Druckprodukten. Auf der linken Seite habe ich meine allerersten Arbeiten gezeigt. Da war zum Beispiel das Logo für einen DJ aus meiner damaligen Schule als eine meiner absoluten Anfängerarbeiten dabei. Auf der rechten Seite waren dann schon spätere Werke z.T. aus der Agenturarbeit zu sehen: Ein Logo für ein Baugebiet, für eine Erlebnisregion und eine T-Shirt Marke. Kernaussage hier war: „Ich kann mich entwickeln. Links seht ihr 2011, rechts seht ihr 2012. Diesen Fortschritt schaffe ich in einem Jahr.“ Und außerdem noch: „Das sind Projekte, an denen ich beteiligt war, die ich selbstständig umgesetzt habe. Herausforderungen, die ich bewältigen konnte. Hier seht ihr die Bandbreite meiner bisherigen Arbeit.“

Die letzte Seite ist dann eher etwas „fürs Herz“ gewesen. Dafür habe ich ein paar befreundete Bands aus Nürnberg auf ihren Konzerten begleitet und ein paar sehr tolle Fotos sammeln können. Das waren Arbeiten, die etwas von Freundschaft und Musik erzählen. Kernaussage war hier einfach, dass ich emotionale, menschennahe Fotos machen kann.

Alle drei Teile zusammen sollten folgendes Zeigen: „Ich kann zusammenhängende Projekte erarbeiten und umsetzen. Ich habe die Geduld auch länger an etwas zu arbeiten. Ich kann in Grundzügen in jeder Disziplin mitreden: Von der Zeichnung, Foto, Illustration über Typografie und Editorial. Ich kann mich in Menschen einfühlen. Und: Ich kann mich dabei über die Zeit und Erfahrung weiterentwickeln.“

Eure eigene Mappe

Was soll das nun für euch heissen? Überlegt euch, was für eine Aussage ihr mit eurer Mappe treffen wollt. Wie wollt ihr jemanden davon überzeugen, dass er euch eine Einladung zur Eignungsprüfung sendet? Die Aussagen oben klingen zum Teil sehr arrogant, wenn man sie das erste Mal hört. Aber ihr werdet eines gleich zu Anfang eures Studiums lernen müssen: Kommunizieren bedeutet oft genug verkaufen. Und in dem Fall verkauft ihr euch selbst bzw. wollt jemanden von eurer Arbeit überzeugen. Wollt ihr euch als prunkvollen Neuwagen verkaufen oder als 20 Jahre alten Gebrauchten ohne HU?

Wie kommt man an solche Referenzen? Das ist kinderleicht. Es erfordert nur etwas Kreativität. Fragt Freunde und Bekannte, ob jemand Fotos vom Geschäft oder Hobby braucht oder möchte. Oder kennt ihr jemanden, der coole Kostüme selber macht? Fragt ihn/sie ob ihr Fotos von ihnen machen dürft. Gibt die Freiwillige Feuerwehr ein Sommerfest? Dann bietet euch für das Plakat an. Das sind reale Aufgaben, an denen nicht so viel hängt. Sie werden euch sicher gerne überlassen.

Übernehmt euch aber auch nicht! Wenn ihr keine Erfahrung habt, solltet ihr euch mit kleinen Arbeiten herantasten. Über die Zeit könnt ihr euch dann mehr und mehr zutrauen. Man kann für den Kleingärtnerverein anfangen und später beim hippen Café in der Nachbarschaft fragen. Vielleicht veranstalten sie einen Poetry Slam oder einen Jazz Abend. Besonders künstlerische Aktivitäten eignen sich perfekt als Anfangswerke, da man hier sehr viele Freiheiten genießt. Falls das alles nichts für euch ist, dann gibt es sicher eine oder mehrere Werbeagenturen in der Gegend. Es findet sich immer irgendetwas.

Die Themen Menschlichkeit und Empathie stehen ebenfalls im absoluten Mittelpunkt eurer Arbeit und dem Studium. Sammelt so viele Emotionen, wie ihr könnt. Besucht Bars, Clubs, Konzerte und Gegenden, in denen ihr euch sonst nie aufhalten würdet. Sprecht mit Menschen, mit denen ihr nie reden würdet. Lest Bücher, schaut Filme, besucht Museen egal welcher Art und sammelt so viele Eindrücke und Emotionen, wie ihr könnt. Egal ob sie euch zusagen oder nicht. Als Kreativer, egal in welcher Branche, profitiert man je mehr Emotionen man kennt. Je mehr Gespräche man geführt hat, umso besser versteht man die Mitmenschen. Ohne ein tiefes Verständnis und Mitgefühl für Menschen wird jede Arbeit oberflächlich bleiben. Gerade über YouTube, Wikipedia und Social Media kann man heute so unglaublich viele Eindrücke sammeln. Abonniert Wissenskanäle, lest Nachrichten, … die Liste ist endlos. Es erschlägt einen fast.

Warum solltet ihr in ein Museum für römische/antike Geschichte gehen und euch Pfeilspitzen oder Ruder ansehen? Überlegt kurz. Sobald ihr in die Situation gelangt, für solch eine Institution eine Arbeit anzufertigen, könnt ihr sofort mitreden. Dann habt ihr schonmal einen Gladius gesehen und könnt noch im ersten Gespräch eine Skizze für ein Logo erarbeiten. Warum solltet ihr mit einem Bäcker über seinen Arbeitstag sprechen? Weil ihr euch schon vorbereiten könnt, um 4 Uhr morgens für Fotos auf der Matte zu stehen. Warum solltet ihr mal auf einem Kendo Turnier gewesen sein? Weil ihr dann sehen könnt, dass Menschen ein sehr warmes Herz haben können, auch wenn sie nach außen Krieger sind und laute Kampfschreie von sich geben.

(Etwas, das noch auf meiner Liste steht und zum Thema passt, ist übrigens: Der Film „Seven Samurai“ von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1954. Klingt alt? Was ich bisher gesehen habe, ist grandios. Ein tolles Video über Kurosawas Art, Filme zu machen findet ihr hier (externer Link zu YouTube) beim Kanal Every Frame a Painting.)

Tl;dr über das Bewerben an einer Hochschule für Kunst oder Design

Worauf sollte mein langer Text also hinaus: Es ist für den Anfang egal, wie ihr eure Mappe füllen möchtet. Welche Arbeiten ihr dafür auswählen möchtet. Zu aller allererst solltet ihr euch überlegen, auf welcher Hochschule man eure Art zu Arbeiten fördert, wo man euch etwas beibringen kann und wo auch ihr die Hochschule mit eurem Engagement bereichern könnt.

Wenn es an die eigentliche Mappe geht: Überlegt euch, mit welchen Aussagen ihr die Professoren von euch überzeugen könnt. In meinem Fall waren das Geduld, abgeschlossene Projekte, Fantasie und ein Herz für Menschen zu zeigen. An einer anderen Hochschule könnte es eine andere Mappe deutlich leichter haben.

Dann geht es über ins Story-Telling. Wie könnt ihr eure Aussagen erzählen? Sind das fertige Arbeiten, die ihr schon habt? Oder müsst ihr noch etwas suchen? Überlegt, wo ihr passende Referenzen herbekommen könnt und macht euch an die Arbeit. Dann stellt die Mappe zusammen und lernt euch zu verkaufen.

Zur Vorbereitung auf eine Karriere als Künstler oder Kommunikationsdesigner und auch als zusätzliches Futter für eure Mappe sammelt so viele Eindrücke, wie ihr sie kriegen könnt. Sammelt erst einmal wild drauf los. Eure Favoriten könnt ihr später noch aussuchen und euch weiter vertiefen. Aber generell ist es gut, ein wenig von allem mal gehört zu haben.

Das war jetzt alles ein bisschen krass und lang. Nehmt euch ruhig die Zeit, das in Ruhe zu verdauen und gerne auch noch einmal zu überfliegen. An dieser Stelle sei auch nochmal darauf hingewiesen, dass das hier kein Garant für Erfolg ist. Es hängt immer noch von euch und den Professoren ab. Aber ich glaube, das ist eine sehr gute Vorbereitung.

 

 

 

1) Nur mein Eindruck, ich weiss nicht, was gerade an den Hochschulen gemacht wird. Und das ist auch so ein Punkt: Professoren und Dozenten kommen und gehen. Die Ausrichtungen an den Hochschulen ändern sich damit auch ständig. Als ich in Mainz war, war ein super netter Illustrator aus Berlin Professor für Zeichnung und Illustration. Seine Spezialität waren Holzschnitte. Das letzte Mal, als ich nachgesehen hatte, war eine Comiczeichnerin Dozentin für die ersten Semester.

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